Hamid S. Neiriz

In seinen frühen Gemälden zeigt Hamid S. Neiriz eine Affinität zu hauptsächlich figurativ-surrealistischen Tendenzen und den abstrakten gestischen Maltechniken in der Nähe von informeller Kunst, Tachismus oder abstraktem Expressionismus. Diese Werke gelten als Weiterentwicklung der abstrakten Kunst des 19. Jahrhunderts, werden aber erst zu Beginn der Moderne im 20. Jahrhundert als eigenständige Bewegungen wahrgenommen.

Neiriz ‚umfassendes Studium der Weltkunst, sein iranischer Hintergrund, sein Wissen über Geschichte und Religion und sein Wohnsitz in der westostorientierten Kulturmetropole Berlin fließen in seine Arbeit ein. Drei Gruppen bestimmen Neiriz ‚Oeuvre, differenziert nach seinen Serien „Ausgrabungen“, „Fragmente“ und „Masken“, die für die archaischen ethnoreligiösen Elemente seiner Kunst stehen. Diese Reihen lassen sich nicht trennen und bilden eng verwandte Leitmotive. Der wieder auftauchende Titel „Maske“ unterstreicht die Bedeutung der Maske für Neiriz, insbesondere die der afrikanischen Stammeskunst. Neiriz greift mit seinen Arbeitszyklen die sinnlichen und geistigen Erfahrungen im Umgang mit der antiken Kunst auf und übersetzt sie in seine künstlerischen Ausdrucksformen.

Hamid S. Neiriz

Die Reihe „Ausgrabungen“ bezieht sich auf archäologische Feldforschung, kann aber auch als Metapher verstanden werden, die wesentliche Aspekte der informellen Kunst berührt. Malen bedeutet im ersten Schritt in der Regel, Malmaterial auf Leinwand zu kleben. Während des künstlerischen Prozesses kann jedoch auch das Gegenteil zum Tragen kommen: Die Farbe wird wieder entfernt und abgekratzt, um die darunter liegenden Schichten freizulegen. Dieser Vorgang ist vergleichbar mit der Ausgrabung. Gleichzeitig speist sich der freie Gebrauch von Farbe und Form aus dem Individuum und dem Unterbewusstsein und bedeutet die Suche nach begrabenen, versunkenen und im inneren Selbst abgelagerten Objekten. Der verborgene Schatz an Bildern, Ideen und Phantasien, der nur durch künstlerische Praxis ans Licht kommt, ersetzt echte Ausgrabungsstätten antiker Kulturen. Und vieles, was unter der Erde oder im Wasser schlummert, offenbart jetzt seine ursprüngliche Form und Funktion, ebenso entstehen innere Erinnerungen aus dem Inneren einer Person, die durch psychische Prozesse Metamorphosen unterworfen sind und nicht immer bereitwillig ihre Herkunft und Bedeutung preisgeben; ein Rätsel bleibt.

Michael Nungesser: “Aus den Urgründen ins Heute“, in: Kult, Magie und Abstraktion. Ein Dialog der Kulturen. Afrikanische Stammeskunst und Bilder von H. S. Neiriz, Ausstellungskatalog Zitadelle Spandau, 2001, Edition Neiriz, pp. 7-14 – 

Michael Nungesser: “Kunst und das Unsichtbare“, in:. Kunst und das Unsichtbare. Malerei von Hamid Sadighi Neiriz. Ausstellungskatalog Galerie Madesta, Edition Neiriz, 2018, pp. 22-30 –